FC Bundestag: Wie der Fußball die Fraktionen verbindet

Ein Gastbeitrag von Ruben Gerczikow in der Reihe "Was macht den Sport politisch?"

Der blaue Himmel wölbt sich über dem Berliner Hauptbahnhof. Die Spree und die Gebäude des Regierungsviertels mit ihren breiten Glasfassaden spiegeln ihn wider. Zwischen dem ehrwürdigen Reichstagsgebäude und dem Paul-Löbe-Haus (PLH) herrscht schon reger Betrieb: Es ist Sitzungswoche, aber das ist nicht der Grund dafür, dass in dem Gebäude, in dem sonst die 630 Abgeordneten und ihre Fraktionen in den Ausschüssen diskutieren, so viel los ist. Das PLH mit seinen wie im Zylinder-Trakt eines Motors angeordneten Sitzungssälen wird häufig als “Maschinenraum” des Parlaments bezeichnet. Im Sitzungssaal des Europaausschusses stehen auf den runden Tisch Körbe mit Brötchen oder Croissants, Filterkaffee macht die müden Augen munter und das Klirren der Teller wird durch die Begrüßung beim ersten Parlamentarischen Frühstück von MAKKABI Deutschland durch Marlene Schönberger (Bündnis 90/ Die Grünen) übertönt. Die 35-jährige Schönberger sitzt seit 2021 im Bundestag und ist in ihrer Fraktion u.a. für Themen rund um die Bekämpfung des Antisemitismus und die Förderung jüdischen Lebens zuständig. Heute begrüßt sie als Schirmherrin der Veranstaltung die Gäste aus Politik, Sport und Zivilgesellschaft. Mit dabei sind auch die “Bundestags-Makkabäer”, der 2024 gegründete Bundestags-Fanclub, dessen Schatzmeisterin Schönberger ist. Unter den Gästen finden sich auch dessen Initiatoren, der heutige Vizepräsident des Deutschen Bundestages Omid Nouripour (Bündnis 90/Die Grünen), Stephan Mayer (CDU/CSU-Fraktion) und der ehemalige FDP-Abgeordnete Dr. Thorsten Lieb. Komplettiert wurde der Initiativkreis vom Bundestagsabgeordneten und ehemaligen Parlamentarischen Staatssekretär Mahmut Özdemir (SPD). 

Die Sonne überströmt den “Europasaal” mit grellem Licht. Die Stimmung ist beinahe familiär und dazu losgelöst von politischen Streitigkeiten. Die heute im Mittelpunkt stehenden “Bundestags-Makkabäer” sind nicht der einzige Ort, an dem Sport – und im Besonderen der Fußball – über Parteigrenzen hinweg verbindet. Beispielsweise existieren für Profi-Vereine wie FC Bayern München, Borussia Dortmund, Eintracht Frankfurt oder auch Hertha BSC parlamentarische Fanclubs. Auch auf dem Rasen laufen Abgeordnete unterschiedlicher Fraktionen gemeinsam im gleichen Trikot auf: dem des FC Bundestag.

Abgeordnete mit Stollenschuhen

Beim FC Bundestag handelt es sich nicht um ein gewöhnliches Fußballteam: Der Hobbyverein besteht aus aktiven und ehemaligen Bundestagsabgeordneten, die den Deutschen Bundestag beim Internationalen Parlamentarier-Fußballturnier vertreten. Seinen Ursprung hat der Fußballclub Anfang der 1960er-Jahre, als sich für zwei Benefizspiele die Abgeordneten die Fußballschuhe schnürten. Im Jahr 1967 erfolgte dann die offizielle Gründung des FC Bundestags mit dem Ziel, regelmäßige Trainingseinheiten und Freundschaftsspiele zu absolvieren.

Der Tag des Parlamentarischen Frühstücks, aber etwas später: Ein paar Räume weiter ist im Bundestagsbüro des CDU-Politikers Fritz Güntzler die Fußballbegeisterung spürbar. Der Einzug in das Parlament gelang dem 59-Jährigen Steuerberater und Wirtschaftsprüfer erstmals 2013. Seitdem sitzt der Niedersachse im Deutschen Bundestag. Außerhalb des Parlaments übernahm er von 2019 bis 2021 die Kapitänsbinde des FC Bundestags, bevor er das Amt an Mahmut Özdemir abgab. Mit der 21. Legislaturperiode wurde er erneut zum Kapitän, da die stärkste Bundestagsfraktion traditionell auch den Kapitän stellen darf. Seine Fußballbegeisterung sticht direkt beim Betreten seines Büros ins Auge. Denn zwischen Computer, Telefon, Büchern und Unterlagen dominieren die rot-weiß-blauen Farben des FC Bayern den Arbeitsplatz. Wieso der in Cuxhaven geborene Güntzler dem deutschen Rekordmeister die Daumen drückt, beantwortet er mit einem gewissen Siegerlächeln: “Das ist ganz einfach zu beantworten, ich bin Jahrgang 1966 und als ich meine ersten Fußballschuhe bekommen habe, war ich sechs oder sieben Jahre alt. Das war 1972/73 und da wurde man entweder Bayern München- oder Gladbach Fan.” Heute blickt er auf 35 Jahre Mitgliedschaft beim FCB zurück und ist zudem Gründungsmitglied der 2014 gegründeten “Berliner Fraktion”, dem Bayern-Fanclub im Bundestag.

Fritz Güntzler, CDU MdB & Kapitän FC Bundestag
Fritz Güntzler Kapitän FC Bundestag & MdB (CDU)

Aber auch in seinem Wahlkreis schlägt sein Herz für einen Verein, den Grodener SV, in dem er dieses Jahr das 50. Mitgliedsjubiläum feiert. Bevor er 1976 Vereinsmitglied wurde, spielte er vor allem auf dem nahegelegenen Bolzplatz “auch in den Sommerferien mit bis zu 30 bis 40 jungen Menschen, im Alter von sechs bis sechzehn. Und wir haben miteinander gespielt”, erinnert er sich. So sei er zum Fußball gekommen und habe dann bis zur A-Jugend gespielt. Gerne blickt er auf seinen Schülerlehrgang mit 14 Jahren zum Fußballschiedsrichter zurück und bemerkt: “Das wurde mir damals dann klar, dass ich wohl höhere Klassen pfeifen werde, als ich je spielen könnte”.

Im Gespräch mit Fritzler wird schnell deutlich, wieso er für die CDU/CSU-Fraktion im Ausschuss für Sport und Ehrenamt sitzt. Neben der Zeit als Spieler, Trainer und Schiedsrichter hat er “auch Fußballturniere organisiert, war Jugendleiter und alles, was man so im Verein macht”. Besonders für das soziale und gesellschaftliche Miteinander seien die Sportvereine vor Ort, besonders im ländlichen Raum, äußerst wichtig. “Von daher können wir froh darüber sein, dass wir überall da, wo wir vielleicht teilweise gar keine dörfliche Infrastruktur mehr haben, immer noch Sportvereine haben”, stellt Güntzler fest. Auch sein politischer Werdegang sei von der ehrenamtlichen Vereinsarbeit geprägt. “Wo lernt man Demokratie?”, fragt er rhetorisch und beantwortet die Frage direkt: “Also meine ersten Versammlungen waren keine Ortsratssitzungen oder Stadtratssitzungen. Es waren Mitgliederversammlungen des Sportvereins, wo man Anträge stellen konnte, wo ich übrigens auch meine ersten Reden gehalten habe”. “Dieser Fußball gibt einem so viele schöne Momente”, erinnert sich Güntzler an die verloren geglaubten Meisterschaften des FC Bayern 2001 oder 2023. Aber auch seine Zeit als Schiedsrichter hatte erinnerungswürdige Momente. Ein persönliches Highlight war für ihn der Vertretungseinsatz im Oberliga-Spiel zwischen dem 1. SC Göttingen 05 und Holstein Kiel im Jahr 1991. “Da war ich im Fernsehen, im Kicker und sonst was”, schmunzelt er. 

Getrennt in den Farben, vereint auf dem Platz

Als Berufspolitiker bleibt während der eng getakteten Sitzungswochen in Berlin oder den Terminen in seinem Wahlkreis Göttingen nicht mehr so viel Zeit für die schönste Nebensache der Welt: “Zum Glück gibt es ja den FC Bundestag“, sagt Güntzler lachend und zitiert dabei einen Kollegen: “Wenn es den FC Bundestag nicht gäbe, müsste man ihn erfinden”. Für den Kapitän ist der feste Termin am Dienstagabend im Friedrich-Jahn-Sportpark weit mehr als ein Kalendereintrag oder ein sportlicher Ausgleich, obgleich die Teilnahme im parlamentarischen Betrieb „nicht immer funktioniert, weil sich Dinge überschneiden“. Der seit 2016 eingetragene Verein verpflichtet sich Werten wie “Toleranz, Fairness, Weltoffenheit” sowie “einer klaren Haltung gegen Rassismus und Nationalismus”. Darüber hinaus seien sie auch Botschafter*innen des Parlaments: “Über Sport erreiche ich Menschen, die man mit Politik nicht zwingend erreicht.“ Das sei für Güntzler eine wichtige Aufgabe nach außen, aber ebenso auch nach innen.

Denn der FC Bundestag schafft Begegnungen abseits von Fraktionsgrenzen. “Menschen machen Politik und von daher ist es gut, wenn die Menschen sich hier auf dem Feld kennenlernen und miteinander umgehen.“ Auf dem Fußballplatz falle dann auch oft das “Korsett der Fraktionen“, das gerade in Plenardebatten und Abstimmung festgefahren wirkt. Selbst in seiner eigenen Fraktion mit 207 weiteren Abgeordneten begegne Güntzler längst nicht allen Kolleg*innen in großer Intensität, “aber wenn ich mit jemandem Fußball spiele, habe ich eine andere Begegnung”. Das gelte selbstverständlich auch für Frauen. Im aktuellen Bundestag sind lediglich 32,5 Prozent der Abgeordneten weiblich. Der FC Bundestag steht Frauen ausdrücklich offen und hat auch etliche weibliche Mitglieder. Wobei lediglich Maja Wallstein (SPD) und Tina Winklmann (Bündnis 90/ Die Grünen) am Spielbetrieb teilnehmen. Kapitän Fritz Güntzler ist wichtig zu betonen: “Neue Mitspielerinnen sind jederzeit, genauso wie neue Mitspieler, im Verein herzlich willkommen”.

Wie die gemeinsame Leidenschaft für das runde Leder auch politische Grenzen überwinden kann, zeigt Güntzlers Verhältnis zum ehemaligen linken Bundestagsabgeordneten und heutigen Europaabgeordneten sowie Co-Vorsitzenden des “Bündnis Sahra Wagenknecht” Fabio De Masi. Obwohl De Masi politisch “eindeutig kein CDU-Mann“ gewesen sei und seine heutige politische Entwicklung bei Güntzler Verwunderung auslöste, pflegten die beiden im Friedrich-Jahn-Sportpark einen wertschätzenden Umgang. In der 19. Legislaturperiode arbeiteten sie eng im 3. Untersuchungsausschuss zusammen, um Verbindungen der Bundesregierung mit dem insolventen Zahlungsunternehmen Wirecard aufzuklären. Güntzler und De Masi waren nicht die einzigen FC Bundestag-Mitglieder im Wirecard-Untersuchungsausschuss, erinnert sich Güntzler. Trotz harter politischer Auseinandersetzungen habe es großen gegenseitigen Respekt gegeben. Es gebe eine “Grundhaltung, die verbindet”, spricht er weiter. Im Sport werde eine bestimmte Haltung geteilt, so wie in der Politik der Anspruch herrsche, “die Gesellschaft ein Stück besser machen” zu wollen. Solange unterschiedliche Auffassungen im respektvollen, demokratischen Rahmen blieben, sei diese Gemeinschaft ein Gewinn.

Zeig’ Rassismus die Rote Karte

Mit dem Einzug der rechtsextremen AfD 2017 in den Bundestag veränderte sich nicht nur die Debattenkultur der Bundespolitik, sondern auch der FC Bundestag. Vor allem der harsche und beleidigende Ton im Plenarsaal gehe “im Wesentlichen von einer Fraktion aus”, sagt Güntzler und verweist auf den Anstieg der Ordnungsrufe seit dem Einzug der AfD. Er gibt aber auch zu, dass “wenn wir im Plenarsaal sind, wir auch eine Rolle” spielen. Zu Beginn nahm der FC Bundestag auch Abgeordnete der AfD auf, da die Politik und der Sport unterschiedliche Arenen seien. Und so standen mitunter auch AfD-Mitglieder mit Mitgliedern der demokratischen Parteien auf dem Platz. Diese Trennung wurde zunehmend schwieriger: “Das Problem war, dass es teilweise schwer erträglich und immer schwerer erträglich wurde, was einige, die dann bei uns spielen wollten, im Plenarsaal gesagt haben.“ Abends war es eben nicht mehr so leicht gewesen “einfach zur Tagesordnung überzugehen“. In der Mitgliederversammlung im März 2024 wurde darüber abgestimmt, ob die Mitgliedschaft im FC Bundestag und eine AfD-Parteizugehörigkeit sich ausschließen. Ein Jahr später entschied das Landgericht Berlin II, nach einer Klage von vier AfD-Bundestagsabgeordneten, den gefassten Beschluss für nichtig. Neue AfD-Mitglieder werden zur Zeit trotzdem nicht  aufgenommen. Drei Abgeordnete der Partei sind weiterhin Mitglied, “die schließen wir nicht aus“, so Güntzler. Einem erneuten Ausschlussverfahren sieht er skeptisch entgegen: “Hilft es, wenn wir so ein Verfahren anstrengen und verlieren? Und kriegen wir es tatsächlich durch? Wir haben jetzt gesagt, sie sind nicht im Aufgebot.”

Sport über Ländergrenzen

Dem Aufgebot des FC Bundestages standen schon eine Vielzahl verschiedener Hobby-Teams, parlamentarischen Vertretungen oder sozialen Auswahlen gegenüber. Beispielsweise trafen 2017 die Mitglieder des Bundestags in Jerusalem auf Mitglieder der Knesset. Anlass war das erste Aufeinandertreffen der israelischen und der deutschen Nationalmannschaft 1987. Am Ende verloren die israelischen Abgeordneten mit 0:1. Auch an andere Partien gegen internationale parlamentarische Vertretungen erinnert sich Güntzler. So beispielsweise vor der Weltmeisterschaft in Russland 2018 gegen das Duma-Team und ein paar Wochen später im Berliner Poststadion gegen die Ukraine. Fritz Güntzler erinnert sich an “harte Gespräche” in der Duma und die Delegationsleitung seines 2020 verstorbenen Göttinger Abgeordneten-Kollegen und Vizepräsidenten des Deutschen Bundestages Thomas Oppermann (SPD). “In Anbetracht des vierten Jahrestages des russischen Angriffskrieges ist es irre, wenn man darüber redet. Damals war die Krim ja schon besetzt”. Doch Güntzler richtet den Blick nach vorne und gibt einen Ausblick auf die kommenden Herausforderungen und Ziele. Besonders im Fokus steht die Europameisterschaft der Parlamentarier, die seit 1971 aus den Parlaments-Teams Finnlands, Österreichs, der Schweiz und Deutschland besteht. Sie findet dieses Jahr vom 14. bis 17. Mai in Lübeck statt. Beim letzten Turnier konnte der Pokal, zum elften Mal, nach Deutschland geholt werden. Mit dem Heimvorteil erhofft sich Fritz Güntzler noch mehr Sichtbarkeit und sieht generell in diesem Jahr eine spielstarke Mannschaft beim FC Bundestag auf dem Platz: “Es wäre an der Zeit, dass wir da auch mal wieder gewinnen und nicht den vierten Platz einnehmen. Das wäre natürlich eine schöne Sache, wenn uns das gelingen würde.” 

Fotoquelle: FC Bundestag / Fabian Beckmann

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