WM 2026 – Fußball, Frieden und die FIFA-Farce

Quelle: https://inside.fifa.com/campaigns/football-unites-the-world/news/president-trump-peace-prize-football-unites-the-world

Ein Gastbeitrag von Ruben Gerczikow in der Reihe "Was macht den Sport politisch?"

Die Nähe zwischen US-Präsident Donald J. Trump und FIFA-Präsident Gianni Infantino ist schon lange keine Randnotiz mehr – insbesondere im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft der Männer im kommenden Juni. Vielmehr ist sie ein politisches Programm und ein Sinnbild dafür, wie wenig vom Mythos des „unpolitischen Sports“ überhaupt übrig geblieben ist.

Wer verstehen will, wie diese Beziehung funktioniert, muss nicht lange suchen, Infantino selbst lieferte die Begründung: Eine enge Beziehung ins Weiße Haus sei “absolut entscheidend” für den Erfolg der WM 2026. Das klingt pragmatisch, fast technokratisch. In jedem Fall ist es die offene Absage an jene politische Neutralität, die sich der Weltfußballverband nur zu gerne selbst auf die blaue FIFA-Fahne schreibt.

Inszenierte Nähe

Die Bilder gleichen sich: Infantino und Trump präsentieren sich  lachend als Partner, als gemeinsame Gastgeber einer globalen Mega-Show – und als politische Akteure, die den Fußball zu ihrer ganz eigenen Bühne machen. Diese Nähe beobachtet auch der freie Journalist Chaled Nahar seit längerem genau. Er arbeitet vor allem für die Sportschau sowie den Deutschlandfunk und berichtet über sportpolitische und sportwirtschaftliche Zusammenhänge. “Da spielt die WM 2026 und das Verhältnis der FIFA zur US-Regierung natürlich zur Zeit eine prägende Rolle”, sagte er im Gespräch. Seit der Vergabe der WM an die USA im Jahr 2018 sei das Verhältnis zwischen Trump und Infantino immer enger geworden, mit vielen Terminen im Weißen Haus und beiderseitigem Nutzen. Spätestens bei der Auslosung des WM-Spielplans im Dezember 2025 in Washington D.C. kippte die Performance in eine Schmierenkomödie. Infantino überreichte Trump den neu geschaffenen “FIFA-Friedenspreis“, den sich der US-Präsident selbst umhängte. Ein Preis, dessen Vergabe ohne transparente Kriterien, ohne Jury, ohne erkennbare Legitimation erfolgt, dafür aber mit maximaler Symbolkraft. Nahar meint, dass nach Bekanntgabe des Friedenspreis “im Grunde klar war”, dass er an Trump gehen werde. Zwar sollen in Zukunft jährliche Verleihungen stattfinden, aber “warum dieser Preis zu diesem Zeitpunkt ins Leben gerufen wurde, ist offenkundig”, meint Chaled Nahar.  Die Schaffung dieses Preises und seine Verleihung haben eine Vorgeschichte, die sehr viel über die Logik dieser Beziehung verrät, die oftmals als “Bromance” bezeichnet wird. Der 45. und 47. Präsident der Vereinigten Staaten hatte sich wiederholt selbst in die Nähe des Friedensnobelpreises gerückt. Doch das norwegische Nobel-Institut verlieh den Preis nach Venezuela an die Oppositionspolitikerin María Corina Machado ”für ihre unermüdliche Arbeit zur Förderung demokratischer Rechte für die Menschen in Venezuela“ und nicht an Trump. Nahar vermutet, dass die FIFA “der Entscheidung des Nobelkomitees etwas anderes, alternatives, gleichberechtigtes entgegensetzen wollte”. Zweifelsohne ist das “natürlich eine hochpolitische Entscheidung”. Der Preis als symbolische Kompensation: eine Auszeichnung, die dort geschaffen wird, wo internationale Anerkennung für den amtierenden Präsidenten der USA ausbleibt. Obgleich sich Machado, nach der amerikanischen Gefangennahme des autoritären Machthabers ihres Landes Nicolás Maduro im Januar 2026, dafür entschied, ihren Preis an Trump zu übergeben. Das Nobel-Institut lies darauf verkünden, dass “sobald die Bekanntgabe [der Preisträger*in durch die Jury in Oslo] erfolgt ist, […] die Entscheidung endgültig” sei. Eine Weitergabe ist nicht möglich.  Nahar schlussfolgert daraus, “dass von einem unpolitischen Fußball gar keine Rede mehr sein kann, weil viel politischer kann man ja gar nicht mehr agieren.”

Was hier sichtbar wurde, ist kein Ausrutscher, sondern ein Muster. Nur wenige Wochen nach der Verleihung des “FIFA-Friedenspreises” wurde Infantino selbst eine zweifelhafte Ehre zuteil. Er wurde Mitte Januar 2026 gemeinsam mit diversen autoritären Staatsoberhäuptern sowie dem Vorstandsvorsitzenden von Manchester City Chaldun al-Mubarak Mitglied des von Trump initiierten “Board of Peace“, das laut Nahar “ein sehr konfus zusammengewürfeltes Gremium ist” und “im Grunde als Parallelorganisation zum UNO-Sicherheitsrat” angedacht ist. Es soll globale Konflikte, beginnend mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt im Gazastreifen, begleiten und lösen. Infantino selbst kommentiert seine Mitgliedschaft auf Instagram wie folgt: “Fußball ist die universelle Sprache der Welt, die von Milliarden gesprochen wird und Hoffnung, Freude und Einheit bringt.“ Nahar sieht darin eher eine Hilfe Infantinos für Trump, “um Aufmerksamkeit zu generieren und Gelder einzusammeln“.

Chaled Nahar - Freier Journalist

Außenpolitik der FIFA

Der sogenannte Friedenspreis steht exemplarisch für eine Strategie, die vor allem die FIFA seit Jahren vorantreibt: Fußball als moralische Erzählung, kontrolliert von einer Organisation, die sich selbst zunehmend politisch positioniert – während sie diese Positionierung selbst von sich weist.

Dass ausgerechnet Trump als Symbolfigur für “Frieden und Einheit“ ausgezeichnet wird, Die FIFA erweitert ihr eigenes Kampagnennarrativ von “Football unites the world”, um geopolitische Deutungshoheit und sucht sich dafür die mächtigsten Partner, den Präsidenten der Weltmacht USA. Oder noch zugespitzter formuliert: Der Weltfußballverband betreibt seine eigene Außenpolitik. 

Dabei ist das Verhältnis zwischen Infantino und Trump keineswegs einseitig. Auch Trumps Image profitiert von dieser Beziehung. Die WM 2026 in den USA und den zwei weiteren Gastgeberländern Mexiko und Kanada ist ein gigantisches ökonomisches und politisches Projekt, abgesichert durch staatliche Strukturen und politische Rückendeckung. “Die USA sind der erhoffte und auch der tatsächliche große Wachstumsmarkt für den Fußball. Dort kann man noch Gewinne erzielen und ein Feld für den Profifußball bereiten. Dort können Gewinne entstehen, die derzeit woanders nicht mehr drin sind”, meint Nahar. Darüber hinaus werden Visa-Fragen, Grenzpolitik und Sicherheitsstrategien umso mehr Teil eines Fußballturniers. Gerade unter Trump entsteht ein Spannungsfeld: ein globales Fest, organisiert in einem politischen Klima von Law and Order. 

In diesem Kontext rückt auch die Rolle der U.S. Immigration and Customs Enforcement kurz ICE in den Fokus der Öffentlichkeit. Die Bundesbehörde steht seit Monaten wie kaum eine andere für eine harte Migrations- und Abschiebepolitik, die auch für Fans aus aller Welt zum Problem werden könnte. Nahar spricht in dem Kontext von einem Vorfall, der sich 2025 bei der FIFA-Clubweltmeisterschaft in New York zugetragen hat und von Human Rights Watch erstmals veröffentlicht wurde. Ein Familienvater wurde vor dem Finale an einem angrenzenden Parkplatz des MetLife-Stadium festgenommen, von seinen 10- und 13-jährigen Söhnen getrennt und verbrachte drei Monate in Haft, bevor er abgeschoben wurde. Das geschah, „nachdem er eine Drohne aufsteigen lassen wollte, um ein Erinnerungsfoto mit seinen Kindern zu machen”, sagt Nahar. Und weiter spricht der Sportjournalist davon, dass “solche Fällejetzt natürlich auch bei der WM befürchtet werden, weil viele Teams aus Ländern dabei sind, die in dieses Raster fallen, wo man von Seiten der US-Regierung und ICE Menschen vermutet, die aus ihrer Sicht unrechtmäßig im Land sind”. Der Zugang zur kommenden WM wird damit nicht nur zur Frage des Geldes, in Anbetracht horrender Ticketpreise, sondern auch zur Frage nationaler Zugehörigkeit.

Alte Muster, neue Bühne

Bei der “Bromance” handelt es sich um keinen Einzelfall, sondern vielmehr um eine Kontinuität. Die FIFA hat bereits bei der WM 2018 in Russland und 2022 in Katar gezeigt, wie bereitwillig sie sich mit politischen Systemen arrangiert, solange das Geschäft stimmt. Es gebe “im Grunde überhaupt keine Scham mehr”, denn die Vergabe der Turniere 2018 und 2022 waren “hochkorrupte Vorgänge, wonach die Turniere trotzdem dort stattgefunden haben”, erklärt Nahar. Die imperialistischen Bestrebungen des russischen Präsidenten Wladimir Putin und seine völkerrechtswidrige Annektion der ukrainischen Halbinsel Krim sowie des Donbass 2014 waren kein Hindernis für das Fußballevent, ebenso wenig die sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen, die im Vorfeld des Turniers in Katar bekannt wurden – genauso wie die Menschenrechtsverletzungen in Saudi Arabien, dem Gastgeber der WM 2034. Die WM in acht Jahren sei “auch eine klare finanzielle Sache, es geht immer ums Geld, das ist immer die Antwort auf fast jede Frage im Profifußball”, stellt Nahar fest. Die Kritik – ob an politischer Repression oder Korruption – wurde stets begleitet von Beschwichtigungen, Phrasen über Dialog und einem vermeintlichen gesellschaftlichen Fortschritt. In diesem Kontext wird gerne von “Sportwashing” gesprochen, aber Nahar geht sogar weiter: “Das finde ich mittlerweile abgedroschen und eigentlich zu schwach, es ist eigentlich ein klarer Missbrauch des Sports und der Sport, der lässt sich hier ganz klar willfährig missbrauchen.” Denn die Turniere fanden trotzdem statt, die Einnahmen flossen, die Bilder wurden produziert. Im Sinne der FIFA und der Regime.

Neu an der Beziehung zu Trump ist vor allem die Intensität. Während man sich bei früheren Weltmeisterschaften oft hinter diplomatischen Floskeln verbarg, wird die Nähe nun öffentlich zelebriert. Der Schulterschluss bleibt nicht nur ein Agreement im Hintergrund, sondern wird Teil der Inszenierung.

Ein besonders bezeichnendes Beispiel spielte sich im Mai 2025 in der paraguayischen Hauptstadt Asunción ab – oder sollte man sagen, es spielte sich eben nicht ab? Infantino ließ hunderte Delegierte beim FIFA-Kongress warten, weil er zuvor Zeit mit Trump in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Katar und Saudi Arabien verbracht hatte. Er hatte, laut eigenen Aussagen, das Gefühl, dass er “dort sein musste, um sie alle zu vertreten, um den Fußball zu vertreten”. Er dachte, dass er es rechtzeitig hätte schaffen können. Ein paar Sätze, die mehr sagen als jedes offizielle Statement. Die eigentlichen Prioritäten werden hier nicht mehr verborgen. Die europäischen Mitgliedsverbände wie z.B. UEFA-Präsident Aleksander Ceferin oder DFB-Präsident Bernd Neuendorf reagierten abrupt und blieben dem weiteren Verlauf des Kongresses fern. Dabei ruft Nahar aber auch in Erinnerung, dass einer der stärksten und größten Verbände unter den 211 FIFA-Mitgliedern der DFB ist: “Der DFB ist ein ganz gewichtiger Teil davon und hat dort alle Entscheidungen mitgetragen”.

Widerstand von unten

Während sich oben eine enge politische und zunehmend kritiklose Allianz um Gianni Infantino formiert, wächst unten der Widerstand. Faninitiativen und zivilgesellschaftliche Gruppen wie beispielsweise die Kampagne “Fairness United“ warnen vor einer WM, bei der Fans zunehmend marginalisiert werden. Dort ist von einer Entwicklung die Rede, in der Fans nur noch “folkloristisches Anhängsel“ eines durchkommerzialisierten Events sind. Gleichzeitig würden politische Einreisebeschränkungen dazu führen, dass ganze Fangruppen gar nicht erst teilnehmen können. Parallel dazu gibt es Boykottaufrufe, die der DFB nicht direkt unterstützt, obgleich der Präsident des FC St. Pauli und Mitglied des DFB-Präsidiums Oke Göttlich trotzdem eine Debatte anstoßen wollte: “Mir geht es darum, dass wir darüber sprechen, dass es möglich ist und ob es einen Sinn ergibt. Darüber zu debattieren, finde ich okay.” Anders als noch bei der “One Love”-Binde oder der schweigenden deutschen Nationalmannschaft in Katar wird der DFB auf politischen Protest dieses Jahr verzichten. In einer Pressemitteilung des DFB hieß es: “Das DFB-Präsidium ist sich einig, dass sportpolitische Debatten intern und nicht öffentlich geführt werden.” Nahar sieht darin die Folgen aus Katar, wo “man von der FIFA komplett vorgeführt worden” sei. Aufgrund dieser Niederlage “traut sich jetzt keiner mehr was zu sagen”, weil “es ein politisches Bestrafungssystem” gebe, beispielsweise die Vergabe von zukünftigen Turnieren nach Deutschland. 

Chaled Nahar meint, wenn man “Kampagnen startet, irgendwelche Poster hochhält, aber sich wegduckt, wenn es drauf ankommt, diese Haltung zu verteidigen,  dann sind diese Werte eigentlich nicht viel wert”.  Diese Diagnose lässt sich auch auf die politische Dimension übertragen. Die Nähe zu Trump, die Einführung eines politisch aufgeladenen Preises, die Einbindung staatlicher Machtstrukturen – all das folgt keiner offenen Diskussion, sondern wird den Fans und Mitgliedsverbänden vorgesetzt. Hinzu kommt eine bemerkenswerte Selektivität im Umgang mit Kritik. Während die FIFA bei politischen Statements oder nationalistischen Gesten von Spieler*innen oder Fans regelmäßig auf Neutralität pocht, scheint diese Regel für die eigene Führung nicht zu gelten.

Der Mythos vom “unpolitischen Sport“

Knapp vier Wochen vor dem Beginn der Weltmeisterschaft steht die zentrale Frage im Raum, was nun vom viel zitierten unpolitischen Sport bleibt. Die Antwort liefern Trump und Infantino regelmäßig im Doppelpack. Denn Fußball ist längst Teil geopolitischer Strategien. Er ist nicht erst mit dieser WM zu einem Werkzeug für autoritäre Politiken geworden, ein Instrument für Imagepflege, Machtprojektion und ökonomische Interessen. 

Die WM 2026 wird daher nicht nur ein sportliches Großereignis. Sie wird auch ein politisches Spektakel sein, organisiert von einem Verband, der seine Rolle neu definiert hat: Als globaler Akteur im Spannungsfeld von Politik, Wirtschaft und öffentlicher Wahrnehmung. Vielleicht liegt hier auch die erfrischende Ehrlichkeit dieser Entwicklung in ihrer Offenheit. Nichts wird mehr versteckt, wenig wird noch beschönigt. Die Nähe ist sichtbar für alle und die Interessen sind klar verteilt. Oder, weniger diplomatisch gesagt: Der Ball rollt und mit ihm der Dollar.

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