Wo der Osten weiterlebt – Die Fankurven als Ort ostdeutscher Selbstbehauptung

Quelle: nurenergie.de

Ein Gastbeitrag von Ruben Gerczikow in der Reihe "Was macht den Sport politisch?"

Am 3. Oktober feiert die Bundesrepublik zum 36. Mal den “Tag der Deutschen Einheit”. Die zentralen Feierlichkeiten finden in diesem Jahr in Bremen ausgerichtet. Vom 2. bis 4. Oktober gibt es in der Hansestadt ein volles Programm, das an die Teilung Deutschlands erinnert und der Fall der Mauer gefeiert. Und anders als vor 36 Jahren spielt an diesem Wochenende eine deutsche Nationalmannschaft in der Nations-League in Griechenland im einheitlichen Trikot. Diese Einheit spiegelt sich nicht unbedingt im regulären Ligabetrieb wieder. Denn in deutschen Stadien hängen DDR-Fahnen, aus der Kurve schallt „Ostdeutschland“ und alte Ost-West-Gegensätze werden wiederbelebt. Beim Aufeinandertreffen zwischen einem ost- und einem westdeutschen Verein kann die vermeintlich überwundene innerdeutsche Teilung rund um den Spieltag wieder spürbar werden. Beispielsweise hießen die Gästefans von Hannover 96 den Aufsteiger vom FC Energie Cottbus am ersten Spieltag mit „Ostdeutsche Dullis” willkommen. Am zweiten Spieltag rief die Cottbuser Fanszene zur „Republikflucht”-Mottotour nach Bielefeld auf. Das wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich. Wie kann ein Land seit 36 Jahren vereint sein und gleichzeitig ist gerade im Volkssport Fußball die identitäre Aufteilung in Ost und West so lebendig?

„In der Kurve lernt man, wer zum “Wir” gehört und wer eben nicht.”

Mit dieser Frage beschäftigt sich der 40-jährige Kulturwissenschaftler und „Ostdeutsche“ Alexander Mennicke. Er promoviert an der Universität Leipzig und forscht zu „ostdeutschen Identitäten und dem Erbe der DDR in deutschen Fußballstadien“. Dass die Themen Fußball und Identitäten ihn auf seinem akademischen Weg schon länger begleiten, zeigen auch seine wissenschaftlichen Abschlussarbeiten, in denen aber der Fokus vor allem auf dem ehemaligen Jugoslawien lag. Doch Fußball ist nicht nur Forschungsobjekt, sondern auch Leidenschaft für Mennicke: Seit seinem achten Lebensjahr geht er ins Stadion und wurde Teil einer aktiven Fanszene. Fußball sei für ihn weitaus mehr als nur das Spiel auf dem Rasen. „Fußball arbeitet generell sehr stark mit Kollektivität“, erklärt er.Auf den Tribünen entstehe eine gemeinsame Identität, die zunächst einmal unabhängig davon sei, „ob jemand Banker oder arbeitslos ist“. Der Sport schaffe ein „Wir“-Gefühl, das anderswo in der Gesellschaft nicht mehr existiere. Wer seine kindliche oder jugendliche Sozialisation in einer Fankurve erlebt hat, lerne dort nicht nur Fangesänge und die Vereinsgeschichte, ist Mennicke überzeugt. Man lerne auch, wer zu diesem „Wir“ gehört und wer eben nicht. Wenngleich derartige Prägungen auch wieder verlernbar seien, bleiben sie für viele doch sehr wirkmächtig. 

„Wenn ich beispielsweise im K-Block bei Dynamo Dresden oder im Block U beim 1. FC Magdeburg stehe und dort schon in jungen Jahren immer wieder vermittelt bekomme: ‚Wir sind Ostdeutsche‘, ‚Der Westen ist schlecht‘ oder ‚Es gibt Unterschiede‘, dann nehme ich diese Vorstellungen auch in meine eigene Sozialisation auf“. Nicht jeder Fan würde diese Erzählungen in Gänze übernehmen, aber sie fließen in die eigene Erfahrungswelt ein. Daher sei Fußball besonders geeignet, um über ostdeutsche Identität zu sprechen.

Obgleich es gab eigentlich keine einheitliche ostdeutsche Identität je gab Laut ihm sind es vielmehr „ostdeutsche Identitäten”. Leipzig ist nicht Dresden, Magdeburg nicht Cottbus und Halle ist nicht Ost-Berlin. Die Städte und Regionen haben unterschiedliche Geschichten, die Fanszenen unterschiedliche politische Kulturen. Trotzdem gibt es Erfahrungen, die über einzelne Orte hinausreichen. Mennicke spricht hier von „Erfahrungsräumen“. Und Fußball gliedert sich in diese identitäre Landkarte ein: Wer in der Tabelle nach seinem eigenen Verein sucht, schaut manchmal zuerst, wo andere ostdeutsche Vereine stehen. Mennicke selbst kennt dieses Gefühl aus seinen Interviews. Eine interviewte Person wählte früher bei FIFA immer Rot-Weiß Erfurt: „Erfurt ist ein Verein aus meiner Region und der steht mir irgendwie näher. Näher als beispielsweise Essen, der HSV oder St. Pauli“, gibt Mennicke sie wieder.So entstehe Identität manchmal lediglich mit dem Gefühl, dass ein Ort, ein Verein oder eine Geschichte näher ist, als eine andere. 

Alexander Mennicke
Alexander Mennicke - Kulturwissenschaftler

Nach der Wiedervereinigung folgt der Verlust von Anerkennung

Eine verbindende Geschichte des ostdeutschen Fußballs ist vor allem mit der Transformation nach 1990 verbunden. In der DDR wurde Sport staatlich organisiert und somit waren die Clubs in die Strukturen des Systems eingebunden. Mit dem Ende der SED-Diktatur lösten sich diese auf. Das hatte zur Folge, dass wirtschaftliche Grundlagen wegbrachen und Trägerorganisationen abgewickelt wurden. Zudem mussten sich die Vereine in einem für sie komplett neuen Fußballsystem behaupten. Mit Hansa Rostock und Dynamo Dresden spielten in der Saison 1991/92 lediglich zwei DDR-Vereine in der höchsten deutschen Spielklasse. In der damals in Nord und Süd geteilten 2. Liga spielten 1991/92 mit dem BSV Stahl Brandenburg, Carl Zeiss Jena, dem Chemnitzer FC, dem Halleschen FC, dem VfB Leipzig und Rot-Weiß Erfurt sechs ehemalige DDR-Vereine. Diese Entscheidung geht auf die Eingliederung  des „Deutschen Fußballverbandes” (DFV) der DDR mit dem westdeutschen DFB im Juli 1990 zurück. Die angewandte „Zwei-plus-sechs“-Formel sah vor, dass vor der Saison 1991/92 nur acht DFV-Vereine in die westdeutschen Bundesligen integriert werden sollten. Für die vielen anderen ostdeutschen Vereine war der neue und geeinte deutsche Fußball mit einem Abstieg in unterklassige Ligen verbunden.

Mennicke beschreibt diese Vorgänge nicht nur als einen reinen sportlichen Abstieg, sondern auch als einen Verlust von Anerkennung und eigener Identität. Als ein besonderes Beispiel sieht er den 1. FC Magdeburg. Der FCM konnte 1974 als einziger DDR-Club einen Europapokal gewinnen. Mit einem 2:0 gegen den AC Mailand in Rotterdam konnte der Europapokal der Pokalsieger in die sachsen-anhaltische Landeshauptstadt gebracht werden. Nach dem Fall der Mauer spielte der Verein teilweise vor einigen hunderten Zuschauer*innen. Mit Union Berlin in der Bundesliga, Magdeburg, Cottbus und Dresden in der 2. Bundesliga sowie Rostock in der 3. Liga spielen derzeit lediglich fünf Vereine mit DDR-Geschichte in den drei höchsten Spielklassen des Landes. 

Während die gemeinsame Vergangenheit manche verbindet, schließt sie andere aus: Auch wenn RB Leipzig geografisch im Osten liegt, gilt es nicht als „ostdeutscher” Verein, da RB erst 2009 gegründet wurde und somit nie die Herausforderungen der Vergangenheit erlebt hat. Für viele ostdeutsche Fans ist die Identität nicht nur mit Tabellenplätzen oder vergangenen Erfolgen verbunden. Für viele von ihnen war der Fußball ein Ort, an dem die eigene Geschichte weiter ihren Wert behalten konnte.

DDR-Vereine als Ort der ostdeutschen Selbstbehauptung

Nach der sogenannten “Wende” war der Fußball für Fans ein Ort, wie Mennicke ausführt, an dem sie ihre Identität leben konnten: Die starke Identifikation mit dem eigenen Verein wurde damit zum Gegengewicht der ostdeutschen Erfahrungen von Geringschätzung im Westen. Und wenn das eigene Team spielerisch nicht mehr mit den westdeutschen Vereinen mithalten konnte, konnte zumindest die Kurve ihren eigenen Wettbewerb schaffen. „Wenn wir auf dem Rasen verlieren, können wir vielleicht auf den Rängen gewinnen“, fasst Mennicke zusammen. 

Aus diesem vorherrschenden Selbstverständnis in Teilen der ostdeutschen Fankultur resultierte gleichzeitig eine Selbstaufwertung, die sich nicht nur am sportlichen Erfolg selbst orientierte. Diese Erzählungen traf in den 1990er- und 2000er-Jahren auf besondere gesellschaftliche Bedingungen. Gewalt spielt in ostdeutschen Stadien immer eine große Rolle. Hooligans waren ebenfalls präsent, die „Baseballschlägerjahre” sowie ihre Nachwirkungen prägten die Regionen. Davon wurden auch die ersten Ultra-Gruppen geprägt, die sich in jener Zeit nicht nur in West-, sondern auch in Ostdeutschland bildeten. Die „Erfordia Ultras 1996” vom FC Rot-Weiß Erfurt nehmen für sich in Anspruch, die „älteste Ultragruppe auf dem Gebiet der ehemaligen DDR” zu sein. Die ostdeutschen Ultras orientierten sich in ihrer Anfangszeit nicht nur an Westdeutschland oder an den italienischen Ursprüngen, sondern blickten auch in Richtung Polen und Tschechien. Mennicke erinnert sich: „Wo Geld und Infrastruktur fehlten, entstand eine ausgeprägte Do-it-yourself-Kultur. Aus Mangel wurde kulturelle Eigenständigkeit.” Dies gehört auch zu den typischen ostdeutschen Lebenserzählungen.

Das erklärt auch, warum „Ostdeutschland“ und der Plattenbau mancherorts mehr sein können als eine geografische Beschreibung. Daraus wird ein Gegenbild konstruiert: „Wir spielen vielleicht nicht Bundesliga, aber dafür haben wir eine authentischere und härtere Fankultur”. Der Westen wird als weich, angepasst oder nicht authentisch dargestellt. Oder mit den Worten der Dresdner Choreo beim Heimspiel am 5. Mai 2017 gegen den TSV 1860 München: „Das ist nicht Disneyland – Das ist der dunkle Osten“. Mennicke ordnet das ein: „Tatsächliche soziale Erfahrungen wurden mit einem bestimmten kulturellen Bild verbunden und dadurch identitätsstiftend.”

Die DDR-Fahne als Erkennungszeichen ostdeutscher Herkunft

Wie widersprüchlich diese ostdeutsche Identitätsstiftung sein kann, zeigt sich bei der Verwendung von DDR-Fahnen in einigen ostdeutschen Fanszenen. Die Fahne bedeute nicht automatisch, dass die Fans sich die DDR als politisches System zurückwünschen. Mennicke begegnet in seinen Interviews immer wieder Menschen, die positive Bezüge auf Ostdeutschland haben, aber nicht die DDR  zurückwollen. Er spricht von einer „Aneignung kultureller Produkte, kultureller Erzeugnisse oder kultureller Vorgänge“. Jüngst wurde auch das DDR-Moped Simson durch die AfD-Politiker Björn Höcke und Ulrich Siegmund zum Symbol ostdeutscher Kultur in der Gegenwart. Viele Menschen in der ehemaligen DDR erinnern sich, wie sie eine Simson zur Jugendweihe bekamen. Das Schrauben gilt als „kollektive Erinnerung”. Beide nahmen das Zweirad in ihre Öffentlichkeits- und Wahlkampfarbeit auf, obwohl sich die die Nachfahren der jüdischen Unternehmensfamilie Simson, die 1936 vor den Nazis in die USA flohen, gegen die rechtsextreme Instrumentalisierung ihres Erbes stellten. Parallelen sieht Mennicke bei der Verwendung der DDR-Fahne: „Es gibt keine eindeutig etablierte ‚ostdeutsche Flagge‘, weshalb die DDR-Fahne für manche Menschen als Erkennungszeichen für ostdeutsche Herkunft dient“, sagt Mennicke. Er selbst lehnt diese Verwendung ab. Doch er sieht, warum das trotzdem für andere funktionieren kann. Auch für diejenigen, die selbst die DDR nie erlebt haben.

Ostdeutsche Identitäten sind längst keine bloßen Erinnerungen von vor 1990, sondern werden weitergegeben, verändert und neu erfunden. Anders als im Westen veränderte sich im Osten alles: Arbeitsplätze, Eigentumsverhältnisse und soziale Strukturen. Die DDR war ein Unrechtsstaat und ihr Ende war ein Gewinn der Freiheit. Aber aus der Tatsache, dass das politische System verschwunden ist, folgt nicht, dass die Erfahrungen seiner Einwohner*innen verschwunden sind.

Mennicke wünscht sich daher vor allem von westdeutschen Fans mehr Interesse an diesen Geschichten: „Beschäftige dich tatsächlich damit, was die DDR war und wie der DDR-Fußball aufgebaut war“. Und weiter: „Welche Bedingungen entstanden dadurch für die Vereine? Welche Bedingungen entstanden für die Menschen? Welche nachhaltigen Folgen hatte die Transformation für einzelne Personen und für die Vereine?“ Er ist überzeugt, dass auch in zehn Jahren noch DDR-Fahnen und „Ostdeutschland“-Rufe in deutschen Stadien ihren Platz haben werden: „Solange der Westen für viele Ostdeutsche eine Vergleichsfolie bleibt und solange Unterschiede fortbestehen, wird es auch ostdeutsche Identitätsbezüge geben”. Entscheidend ist also nicht, ob diese regionale Identität existiert. Entscheidend ist, was aus ihr gemacht wird.

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