Ein Gastbeitrag von Ruben Gerczikow in der Reihe "Was macht den Sport politisch?"
Deutsche Fankultur ist für viele gleichbedeutend mit Stehplätzen in den Fankurven, atemberaubenden Choreografien oder Diskussionen um Pyrotechnik. Weit weniger Aufmerksamkeit erhält dabei oftmals ein Arbeitsfeld abseits der lauten Kurven. Und dieses reicht tief in die Lebensrealitäten vieler junger Fußballfans hinein: die sozialpädagogischen Fanprojekte. Ihre Arbeit findet an den Schnittstellen Jugendhilfe, Prävention und Fankultur statt. Die vergangenen Jahre zeigen, dass sie in Deutschland ein unverzichtbarer Bestandteil des Kosmos Fußball sind, gleichzeitig aber zunehmend unter Druck geraten. Dabei können sie an vielen Orten auf eine Erfolgsgeschichte zurückschauen.
Ihren Ursprung haben die Fanprojekte zu Beginn der 1980er-Jahre. Damals prägten gewalttätige Auseinandersetzungen und (rechtsextreme) Hooligans die Stadien. Bis heute ist ihr Ansatz, neben den sicherheitspolitischen Aspekten andere Zugänge zum Umgang mit Fußball- und Fankultur aufzuzeigen. Denn wie bereits damals erste Modellprojekte zeigten, greifen Repressionen alleine zu kurz. Gerade mit der fast zeitgleich stattfindenden Etablierung der Ultra-Kultur in Deutschland, die ihre Ursprünge in Italien hat, veränderte sich der Stadionbesuch weiter.
"Die Kulturwissenschaftler waren die ersten, die sich für die Personen an sich interessiert haben."
Die jahrelange Erfahrung der Fanprojekte zeigt, dass nachhaltige Prävention am besten gelingen kann, wenn gegenseitiges Vertrauen, konstruktiver Dialog und Beziehungsarbeit im Mittelpunkt stehen. Michael Gabriel kennt die Geschichte der Fanprojekte wie kaum eine andere Person. Der 62-jährige Diplom-Sportwissenschaftler mit einer Zusatzausbildung in der Sozialen Arbeit leitet seit 2006 die Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS). Das erste Fanprojekt wurde 1981 in Bremen gegründet. Gabriel erinnert sich, dass “Kulturwissenschaftler [rund um Dr. Narciss Göbbel] an der Universität Bremen sich für Fußballkultur als Ort jugendlicher Sozialisation interessierten. Sie gingen mit Studierenden in die Fankurven, führten biografische Interviews und suchten bewusst den direkten Kontakt.” Sie waren es, die das Stadion als einen Ort wahrgenommen haben, “an dem Soziale Arbeit und sozialpädagogische Intervention sinnvoll sind”. Laut Gabriel war es für viele Fans “das erste Mal, dass sich jemand wirklich für sie als Personen interessiert hat – ohne vorgefertigte Bilder oder Beurteilungen.”
Mit dem von der Innenministerkonferenz 1993 verabschiedeten „Nationalen Konzept Sport und Sicherheit“ (NKSS) wurde die Jugendarbeit der Fanprojekte politisch-institutionell anerkannt und über ein zwischen Politik und Sport verabredetes Finanzierungsmodell abgesichert. “Ein zentraler Meilenstein, weil die Fans in Lösungsprozesse einbezogen werden sollten”, so Gabriel. Im selben Jahr wurde außerdem die KOS gegründet, die bundesweite Koordinationsstelle der Fanprojekte, bei der Gabriel 1996 als Mitarbeiter anfing und die bei der Deutschen Sportjugend in Frankfurt am Main angesiedelt ist.
Trotz der gesetzlichen Schweigepflicht haben Fanprojekte kein Aussageverweigerungsrecht
Seither arbeiten die Fanprojekte an inzwischen 71 Standorten in Deutschland, bewusst unabhängig von Vereinen, Verbänden, Politik und Sicherheitsbehörden. Sie sehen sich explizit als vermittelnd an, sind aber nicht weisungsgebunden. Durch das Stadionumfeld haben sie einen besonderen Zugang zu jungen Erwachsenen, die sonst in vielen Fällen für die Sozialarbeit unerreichbar wären. Gerade in Zeiten eines anhaltenden Rechtsrucks und steigender Demokratiefeindlichkeit ist dies besonders wertvoll. Immer wieder gibt es Situationen, in denen sich Fans und Polizei beispielsweise auf den Anreisewegen gegenüberstehen. Die Fanprojekte, die oft mit den Fans zusammen reisen, sind hier häufig die einzigen, die vermitteln und diplomatische Lösungswege aufzeigen können. Dieses Spannungsfeld prägt die alltägliche Arbeit bis heute. Regelmäßig stehen die Sozialarbeiter*innen der Fanprojekte im Zentrum rechtlicher oder politischer Debatten. Jüngst wurde etwa die Frage nach einem Zeugnisverweigerungsrecht für die Mitarbeitenden breit diskutiert. Auslöser dafür war ein Vorfall beim Heimspiel des Karlsruher SC gegen den FC St. Pauli. Die Karlsruher Ultra-Gruppe “Rheinfire” feierte ihren 20. Geburtstag auf der heimischen Gegengerade mit Pyrotechnik. Elf unbeteiligte KSC-Fans wurden dabei verletzt. Im Nachgang des Spiels wurden drei langjährige Mitarbeitende des Fanprojekts vor das Landgericht geladen und sollten über Beteiligte der Karlsruher Fanszene aussagen. Sie verweigerten dies aus berufsethischen Gründen und gerieten so selbst unter juristischen Druck durch das Amtsgericht. Gabriel erklärt dazu: “Alle Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter unterliegen grundsätzlich gesetzlich der Schweigepflicht. Das Problem ist aber, dass Fanprojekt-Mitarbeitende vor Gericht anders als beispielsweise Journalist*innen oder Anwält*innen kein Aussageverweigerungsrecht haben.” So standen die drei Personen sogar wegen versuchter Strafvereitelung vor Gericht, das Verfahren wurde schließlich in der zweiten Instanz eingestellt.
In Gesprächen mit Menschen aus der sozialpädagogischen Arbeit wird schnell deutlich, dass ihre Tätigkeit vom Vertrauen lebt. Dieses Vertrauen zwischen Fanprojekten und jungen Fußballfans kann schnell verloren gehen, wenn Mitarbeitende dazu gezwungen werden, vertrauliche Informationen aus ihrer Arbeit mit den aktiven Fanszenen an Ermittlungsbehörden weiterzugeben. “In anderen Bereichen Sozialer Arbeit, etwa in der Drogenarbeit oder der Schwangerschaftskonfliktberatung, existiert das Recht auf Verweigerung des Zeugnisses bereits. Dort wird anerkannt, dass ohne absolutes Vertrauen keine wirksame Arbeit stattfinden kann”, kritisiert Gabriel.
Solidarität für das Karlsruher Fanprojekt
Deutschlandweit solidarisierten sich Ultra- und Fanszenen mit dem Fanprojekt Karlsruhe und ihrer Berufung vor dem Landgericht. Inzwischen wurde der Prozess eingestellt. Der Fall Karlsruhe sorgte auch für bundespolitische Debatten um die sozialpädagogische Schweigepflicht. Dieser erteilte die Parlamentarische Staatssekretärin Anette Kramme (SPD) eine Absage, als sie in ihrer Antwort vom 5. August 2025 auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Bündnis 90/ erklärt: “Gleichwohl wird eine Erweiterung [des Zeugnisverweigerungsrechts] unter den Gesichtspunkten […] einer effektiven Strafverfolgung und der mangelnden Vergleichbarkeit der Situation […] abgelehnt.” Michael Gabriel kann das nicht nachvollziehen, weil “die Kollegen und Kolleginnen in Karlsruhe keine Straftäter geschützt haben, sondern die Grundlagen der Arbeit verteidigt und damit die Arbeitsfähigkeit aller Fanprojekte”. Er fügt hinzu, “mittlerweile gibt es ein bundesweites Bündnis, das ein allgemeines Zeugnisverweigerungsrecht für die Soziale Arbeit fordert. Politisch ist das ein dickes Brett, aber die Notwendigkeit ist unbestritten.”
Neben den juristischen Fragen im Nachgang von Karlsruhe treiben viele Fanprojekte aktuell auch finanzielle Unsicherheiten um. Finanziert werden die Fanprojekte über die Kommune, das jeweilige Bundesland und seit 2013 in modifizierter Form der „Dreier-Finanzierung“ auch über den DFB und die DFL. Diese Besonderheit der finanziellen Beteiligung des Fußballs geht auch auf das NKSS von 1993 zurück.
In der Theorie wirkt die Verteilung zwar ausgewogen, aber aufgrund steigender Personal-, Reise- sowie Unterkunftskosten und der angezogenen Haushaltspolitik sind die Budgets in der Praxis an vielen Standorten nicht mehr ausreichend. So entschied der Landkreis Mainz-Bingen Anfang 2023, dass die Arbeit des Mainzer Fanprojektes sowie alle weiteren freiwilligen Leistungen nicht mehr finanziert werden. Ein Zustand, der sich bis heute nicht verändert hat und wohl auch so bleibt. Der Verlust der kommunalen Förderung von 22.000 Euro durch den Landkreis schmerzte doppelt, da dadurch auch die verdoppelte Summe durch die DFL fehlt. In der Konsequenz heißt das, dass Gelder für Stellen fehlen. Der 1. FSV Mainz 05 warb öffentlich um Unterstützung, da Fanprojekte grundsätzlich unabhängig von den Vereinen arbeiten.
"Fanprojekte zeigen Haltung - das stört die AfD natürlich."
Die inhaltlichen Aufgaben haben sich seit der Corona-Pandemie ebenfalls verändert: Fans, ob jung oder alt, kehrten mit großer Vorfreude und voller Energie in ihr zweites Wohnzimmer zurück, aber gleichzeitig traten auch individuelle Problemlagen deutlicher zutage. Auch hier wirkt das Stadion wie ein Brennglas der Gesellschaft. Denn wie bei der gesamtgesellschaftlichen Betrachtung treten auch in diesem sozialen Feld Themen wie Vereinsamung, psychische Belastungen oder Suchtprobleme mit Alkohol, Drogen oder Sportwetten auf. Der besondere Vorteil von Fanprojekten gegenüber dem “klassischen” sozialpädagogischen Ansatz liegt im Fußball und seiner Popularität selbst. Identifikationsmöglichkeiten, Gruppenzugehörigkeit und Niedrigschwelligkeit öffnen Türen, die bei anderen sozialpädagogischen Hilfeleistungen oft verschlossen bleiben.
Gleichzeitig lässt sich im Fußball, besonders in Zeiten eines gesamtgesellschaftlichen Rechtsrucks, der Versuch einer zunehmenden Raumnahme der extremen Rechten in und außerhalb der Kurven feststellen. Bei der Bundestagswahl 2025 wählten 27 Prozent der Männer zwischen 18 und 24 die rechtsextreme AfD. Weil das Stadion seit jeher auch ein Rekrutierungsort rechtsextremer Gruppen ist, wirken Fanprojekte hier oftmals präventiv, sie stärken demokratische Haltungen und setzen Grenzen. Das macht sie vielerorts auch zum Ziel der AfD. In Mainz reagierte die Partei positiv auf das Ende der Finanzierung durch den Landkreis auf den sozialen Medien und behauptete, das Fanprojekt “missbraucht den Fußball und den Verein für abstruse Weltbilder”. Laut Michael Gabriel “erfahren Fanprojekte parteiübergreifend große Unterstützung”, aber die AfD bildet eine Ausnahme, “die kritisch bis ablehnend auftritt.” Deutschlandweit sind Fanprojekte stark an demokratischen Grundwerten orientiert. “Sie arbeiten gegen Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Homophobie. Sie zeigen klare Haltung und dass das die AfD auf den Plan ruft, ist nicht überraschend.”
Die Arbeit der sozialpädagogischen Fanprojekte in Deutschland ist also weit mehr als die Fanbegleitung am Spieltag. Sie ist Jugendhilfe, Demokratieförderung und Prävention zugleich. Für Michael Gabriel ist trotz der Angriffe auf die Arbeit der Fanprojekte klar, dass ihre Arbeit “institutionell stark verankert und wirksam ist. Es gibt ein umfassendes Qualitätsmanagementsystem, regelmäßige Evaluationen und die transparente Einbindung von Kommunen, Vereinen, Polizei und Fanszenen.” In Zeiten steigender Kosten, politischer Unsicherheit und wachsender sozialer Problemlagen stellt sich weniger die Frage, ob wir uns Fanprojekte leisten können, sondern ob wir es uns leisten können, es nicht zu tun.


