Der Russische Angriffskrieg und die Reaktion im deutschen Fußball

Nataliya Puchkarova gibt Sprachunterricht auf ukrainisch im BVB-Lernzentrum

Ein Gastbeitrag von Ruben Gerczikow in der Reihe "Was macht den Sport politisch?"

Als russische Truppen am 24. Februar 2022 die Ukraine überfielen, sollen sie auch ihre Paradeuniformen dabei gehabt haben. Mit einer Luftlandeoperation und einem schnellen Vorstoß von Belarus aus, sollte die Stadt Kyjiw im Streich erobert werden. Doch beides scheiterte am entschiedenen Widerstand der ukrainischen Armee. Heute blicken wir auf vier Jahre russischen Angriffskrieg gegen die gesamte Ukraine zurück. Die vielzitierte „Zeitenwende“-Rede des damaligen Bundeskanzlers Olaf Scholz (SPD) prägt auch nach seiner Amtszeit die deutsche Politik und die Gesellschaft bis heute.

Wladimir Putins imperiale Bestrebungen brachten Leid und Zerstörung über die ukrainische Bevölkerung. Doch die Folgen des Krieges wirkten weit über die Grenzen der Ukraine hinaus. Auch die jüdischen Communities in Deutschland sind von den Auswirkungen betroffen. Laut Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) sind 90 Prozent der jüdischen Gemeinschaft hierzulande russischsprachig und 45 Prozent haben ihre familiären Wurzeln in der Ukraine. Die Bilanz nach inzwischen vier Jahren, in denen es kaum einen Tag ohne Luft- oder Bodenangriffe durch die russische Armee gab, ist mehr als tragisch: Nach Aussagen des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj wurden rund 55.000 Armeeangehörige getötet (Stand Anfang Februar 2026). Die ukrainische Website ualosses.org geht von mehr als 92.000 getöteten Militärpersonen aus. Unabhängig überprüfen lassen sich diese Zahlen nicht. Hinzu kommen laut dem UN-Menschenrechtsbüro (OHCHR) rund 15.000 zivile Opfer, wobei von einer sehr großen Dunkelziffer ausgegangen werden muss, da auch hier keine unabhängige Verifizierung der Zahlen möglich ist und die Zahlen aus den Frontgebieten nur verzögert gemeldet werden können. Zuletzt bombardierte die russische Armee gezielt Energie-Infrastruktur – während eine Kältewelle mit zweistelligen Minusgraden über das Land zieht.

Solidarität kennt keine Grenzen

“Der Angriffskrieg in der Ukraine ist für mich und meine deutschen Freund*innen und Bekannten bis heute eine tiefe, blutende Wunde”, blickt die 53-jährige Betriebswirtin Nataliya Puchkarova aus Dortmund zurück. Das Jahr 2022 markiert vielerorts ein Umdenken der Russlandpolitik. Erst damit rückte der russische Krieg gegen die Ukraine endgültig in den Fokus der westeuropäischen Öffentlichkeit. In dieser Situation zwischen den Nachrichten von Besatzung, Flucht und Mord zeigte auch der deutsche Fußball auf vielfältige Weise klare Haltung und Hilfsbereitschaft.

Kurz nach Beginn des Angriffskrieges nutzten viele aktive Fans, Fanprojekte und Ultragruppen die Reichweite des populärsten Sports in Deutschland, um ihre Solidarität mit dem angegriffenen Land zu zeigen. Über alle Ligen hinweg entstanden binnen weniger Tage eigenständige Hilfsinitiativen. Vom nördlichen Kiel bis in den Süden nach Stuttgart, von Köln im Westen bis nach Babelsberg im Osten organisierten deutsche Fußballfans Spendenaktionen. An und außerhalb der Spieltage wurden Geld- und Sachspenden wie Kleidung, Medikamente und andere dringend benötigte Güter gesammelt. Wie auch die alljährlichen Spendenaktionen aktiver Fanszenen in der Vorweihnachtszeit, war die Unterstützung für die Ukraine oft unbürokratisch und direkt. 

Nataliya Puchkarova mit Johannes Böing vom BVB-Lernzentrum
Nataliya Puchkarova mit Johannes Böing vom BVB-Lernzentrum

“Wir haben das wahre Gesicht des Krieges gezeigt.”

Auch für Puchkarova, die seit 27 Jahren in Deutschland lebt, gehört die Arbeit für und mit Ukrainer*innen seit 2022 zum Alltag. Sie erzählt davon, dass sie in den vergangenen vier Jahren u.a. Deutschkurse, juristische Hilfe und gemeinsame Reisen in der Freizeit organisiert hat. Weiter sagt sie: “Geflüchtete aus der Ukraine haben in der Regel Sprachprobleme und Schwierigkeiten, Gesetze zu verstehen.” Unterstützung bei ihren Hilfsangeboten erhält Puchkaravo in ihrer Heimatstadt Dortmund dabei auch vom BVB-Lernzentrum, einer Initiative vom Fanprojekt Dortmund. Dass der deutsche Fußball, in diesem Fall das Lernzentrum, für die Zusammenarbeit und Kooperation zur Verfügung stehe, helfe der ukrainische Aktivistin bei ihrer Arbeit mit ihren Landsleuten sehr: “Anfangs, im Jahr 2022 und 2023, haben wir viele Fotoausstellungen über den Krieg in der Ukraine organisiert. Wir haben das wahre Gesicht des Krieges gezeigt. Das war das Gegenteil von dem, was Russland darüber berichtet hat.” Sie sei auch für immer dankbar, dass das BVB-Lernzentrum ihr ebenfalls Räumlichkeiten für ihre Sprachkurse auf Ukrainisch und Russisch zur Verfügung stellt. 

Dass der russische Angriffskrieg auf die Ukraine nicht erst am 24. Februar 2022 begonnen hat, wurde besonders am Beispiel des UEFA-Pokalsiegers von 2009 Schachtar Donezk deutlich. Einen Monat nach der völkerrechtswidrigen Annexion der gesamten ukrainischen Halbinsel Krim durch Russland im März 2014, griffen pro-russische Milizen mit Unterstützung der russischen Armee die ostukrainische Region Donbass mit den Oblasten Donezk und Luhansk an. Im April 2014 riefen die separatistischen Gruppen zudem die sogenannten “Volksrepubliken” Donezk und Luhansk aus, die jedoch international nicht anerkannt werden. Puchkarova, die ursprünglich aus der Stadt Zhitomir in der Nähe von Kyjiw kommt, erlebte die Besatzung der Krim und des Donbass “als traurige Nachricht.”

Heimspiele im Exil

Aufgrund des Krieges im Osten der Ukraine konnte Schachtar seine Heimspiele nicht mehr in der “Donbass-Arena” austragen und musste in andere Städte ausweichen. Ab Frühjahr 2022 war es dann auch für Rekordmeister Dynamo Kyjiw nicht mehr möglich, die internationalen Spiele im eigenen Land auszutragen. Die Wahl einer Ersatzspielstätte fiel durch deutsche Unterstützung auf das Hamburger Volksparkstadion und die Arena AufSchalke. Donezk spielte in der Champions League-Gruppenphase sowie im Europa League-Play-off 2023/24 in der Heimstätte des HSV und in der darauffolgenden Champions League-Saison 2024/25 im Schalker Stadion, das – bis 2022 in Folge des Angriffskrieges die Zusammenarbeit aufgelöst wurde – mit Werbung des russischen Staatsunternehmen und Hauptsponsor “der Knappen” Gazprom geschmückt war.

Neben den “Heimspielen” in Deutschland bestritt Schachtar auch sein Champions League- Auswärtsspiel am 29. Januar 2025 hierzulande gegen Borussia Dortmund. Bereits zuvor besuchte Nataliya Puchkarova im Rahmen ihrer Arbeit sehr oft Spiele des BVB. “Beim legendären Spiel gegen Schachtar Donezk waren Johannes Böing [Leiter des BVB-Lernzentrums] und meine ukrainische Gruppe am Rande des Spielfelds”. Zwar löste der BVB an diesem Abend das Achtelfinalticket mit einem 3:1 Sieg durch ein Doppelpack von Serhou Guirassy und einem Treffer von Ramy Bensebaini, aber dieser Tag und die geführten Interviews über ihre Zusammenarbeit, blieben Puchkarova im Gedächtnis: “Es war schön und wir waren sehr stolz auf uns und unsere für beide Seiten so erfolgreiche Kooperation.”

Nicht nur Schachtar erhielt aus Hamburg Unterstützung, auch Dynamo Kyjiw trug seine Heimspiele in der Europa League 2024/25 in der Freien und Hansestadt aus. Diese Europapokal-Abende waren weit mehr als eine organisatorische Ausweichlösungen. Sie standen für die Solidarität sowie die Anerkennung der besonderen Situation ukrainischer Vereine. Für die über eine Millionen aufgenommenen ukrainischen Flüchtlinge in Deutschland wurden diese Spiele auch zu emotionalen Treffpunkten, an denen ein Stück sportliche Normalität im kriegerischen Ausnahmezustand bewahrt werden konnte.

Beim Spielbesuch im Westfalenstadion herrscht ausgelassene Stimmung.
Beim Spielbesuch im Westfalenstadion herrscht ausgelassene Stimmung

Die Engagement muss als Teil einer dauerhaften Verantwortung verstanden werden

Auch auf der Verbandsebene wurde früh Verantwortung übernommen. Die Deutsche Fußball Liga entschied sich, eine Million Euro für die notwendige humanitäre Hilfe in der Ukraine bereitzustellen. Die Mittel flossen an Hilfsorganisationen, die Menschen vor Ort unterstützten. Gleichzeitig nutzte die DFL die Reichweite ihrer Mitglieder, um öffentlich ein Zeichen zu setzen und empfahl direkt nach dem Beginn des Angriffskrieges 2022 am darauffolgenden “Spieltag für die Ukraine” eine Schweigeminute sowie weitere Solidaritätsbekundungen bei den Vereins- und Ligaaufeinandertreffen durchzuführen.

Vier Jahre nach dem russischen Überfall auf die gesamte Ukraine und über zehn Jahre nach dem tatsächlichen Kriegsbeginn bleibt diese Solidarität notwendig. Der deutsche Fußball hat gezeigt, dass er mehr sein kann als reiner Zeitvertreib am Wochenende. Angesichts des weiterhin andauernden Krieges ist es umso wichtiger, dass dieses Engagement nicht verblasst, sondern als Teil einer dauerhaften Verantwortung verstanden wird. Für Puchkarova ist klar, dass “dieser Krieg nicht nur ein Krieg gegen die Ukraine ist.” Vielmehr sei es “der Krieg von uns allen auf der Welt. Heute leidet jeder mehr oder weniger darunter.” Sie selbst will ihr Engagement für ihre Landsleute weiter fortsetzen und die Hoffnung aufrechterhalten: “Mit meiner Arbeit möchte ich die Menschen unterstützen und ihnen den Tag des Sieges näherbringen.”

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