Ein Gastbeitrag von Ruben Gerczikow in der Reihe "Was macht den Sport politisch?"
“Tor, Tor, Tooooooor”, wird Julius Hirsch etliche Male in seiner Zeit beim Karlsruher FV (KFV) gehört haben. Denn der Erfolg des jüdischen Stürmers Erfolg brachte ihn 1911 sogar in die deutsche Nationalmannschaft. Dort traf er immerhin sieben Mal. Seine Zeit in der deutschen A-Elf endete zeitgleich mit seinem Wechsel von Karlsruhe zur SpVgg Fürth 1913. Seine Lebensgeschichte steht exemplarisch für eine Generation deutscher Juden*Jüdinnen, die sich als selbstverständlicher Teil der deutschen Mehrheitsgesellschaft verstanden haben. Ein Selbstverständnis, das durch die nationalsozialistische Zustimmungsdiktatur und der damit eintretenden Ausgrenzung, Entrechtung, Verfolgung und schließlich der Ermordung der jüdischen Bevölkerung existenziell in Frage gestellt wurde. Seit 2005 ist der Name Julius Hirsch untrennbar mit dem Preis des DFBs verbunden, der einmal jährlich vergeben wird und “jegliches Engagement für Vielfalt, Menschenwürde und ein respektvolles Miteinander sowie gegen Diskriminierung, Antisemitismus und Rassismus” im Fußball auszeichnet. Die Erinnerung an ein individuelles Schicksal der Shoa wurde zum Namensgeber einer kollektiven Auseinandersetzung, aus der auch Konsequenzen für die Gegenwart resultieren.
Von Kindesbeinen an
Am 7. April 1892 wurde Hirsch als Sohn jüdischer Eltern im baden-württembergischen Achern geboren. Nach seinen eigenen Angaben kam er im Alter von sechs Jahren mit dem Fußball in Berührung und entwickelte in seiner Jugend seine Begeisterung für das runde Leder, die ihn später zu einem der besten Fußballspieler des Landes machen sollte. Im Online-Lexikon verfolgter jüdischer Fußballer des Deutschen Fußballmuseum werden seine spielerischen Qualitäten, die ihn bereits mit 17 Jahren in die Herrenmannschaft des KFV brachten, wie folgt beschrieben: “Julius Hirsch, den seine Kameraden nur ‘Juller’ nannten, wurde bekannt durch seine gebückte Laufhaltung und war gefürchtet für seine beidfüßige Schussstärke.” Der Karlsruher FV, der 1891 u.a. durch den jüdischen Fußballpionier Walther Bensemann mitgegründet wurde , galt Anfang des 20. Jahrhunderts als einer der besten Fußballvereine des Landes. Hirsch konnte bei seinem Debüt überzeugen und sogar ein Tor beisteuern.
Am 15. Mai 1910, nur einen Monat nach seinem 18. Geburtstag, war er sogar am größten Erfolg in der Vereinshistorie des KFV beteiligt. Vor 5.000 Menschen besiegten sie in Köln mit einem 1:0 Holstein Kiel in der Verlängerung und kürten sich zum Deutschen Meister. Es war der Beginn einer schillernden Karriere. Mit 19 Jahren wurde Hirsch in die deutsche Nationalmannschaft berufen, wobei sein erstes Länderspiel in München mit 1:4 gegen die ungarische Auswahl verloren ging. Beim 5:5 gegen die Niederlande am 24. März 1912 konnte er sogar vier Treffer beisteuern und vertrat Deutschland im darauffolgenden Sommer bei den Olympischen Spielen in Stockholm. Insgesamt kam Hirsch auf sieben Länderspiele, die er gemeinsam mit seinem Freund und Mitspieler Gottfried Fuchs absolvierte. Die beiden Freunde sind bis heute die einzigen Juden, die für die erste DFB-Auswahl aufliefen. In Karlsruhe konnte er außerdem drei Mal in Folge die Süddeutsche Meisterschaft bejubeln, aber beim erneuten mit Holstein Kiel im Spiel um die Deutsche Meisterschaft ging 1912 mit 0:1 verloren. Im Jahr 1913 zog Hirsch aus beruflichen Gründen ins Frankenland und schloss sich der SpVgg Fürth an. Ein Jahr später, am 31. Mai 1914, feierte er durch einen 3:2-Sieg in der Verlängerung mit den Kleeblättern gegen den VfB Leipzig seine zweite Deutsche Meisterschaft. Bis zum 31. Juli 1914 arbeitete er beim Nürnberger Spielwarenunternehmen Gebrüder Bing AG. Julius Hirsch war auf dem sportlichen Höhepunkt seiner Karriere, als der Erste Weltkrieg ausbrach.
Patriotischer Eifer
Wie viele Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft im damaligen Kaiserreich verstand sich Julius Hirsch als deutscher Patriot. Bereits im Jahr 1912 unterbrach er seine fußballerische Karriere, um seinen verpflichtenden Wehrdienst zu leisten. Für den deutschen Stürmer und seine drei Brüder war es selbstverständlich, für ihr Vaterland in den Krieg zu ziehen. 1932 bezifferte der Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten die Zahl gefallener deutsch-jüdischer Soldaten im Ersten Weltkrieg auf 12.000. Bei der Schlacht am Kemmelberg im April 1918 fiel Julius Bruder Leopold, während er überleben konnte. In der Zeit im Deutschen Heer erreichte Julius Hirsch den Rang eines Vizefeldwebels und wurde für seine Tapferkeit u.a. mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet. Nach dem Ende des Krieges kehrte er erst nach Fürth und später in seine Heimat Karlsruhe und zum KFV zurück. Er heiratete 1920 die Protestantin Ella Karolina Hauser mit der er 1923 ihren Sohn Heinold und 1928 ihre Tochter Esther bekam. Beim KFV spielte er bis 1925 und blieb dem Verein nach seiner Karriere als Jugendtrainer und Mitglied des Spielausschusses erhalten. Sein Geld verdiente er in dieser Zeit zudem als Kaufmann.
Ein existenzieller Einschnitt
Mit der Machtübertragung an die NSDAP und Adolf Hitler am 30. Januar 1933 änderte sich für Julius Hirsch alles. Schlagartig waren seine Leistungen als deutscher Nationalspieler und seine Verdienste im Ersten Weltkrieg sowie im Sport nichts mehr wert. Er wurde zunehmend “nur” noch als Jude wahrgenommen. Die antisemitische Politik der Nazis und die Gleichschaltung des Sports führten dazu, dass jüdische Mitglieder in vielen Vereinen des Landes nur wenige Monate später aus ihren Vereinen ausgeschlossen wurden. Auch Hirsch verlor im April 1933 den Karlsruher FV als seine sportliche Heimat. Er kam jedoch seinem Ausschluss von Vereinsseite zuvor und schrieb an den Verein seine eigene Austrittserklärung: “Ich lese heute im Sportbericht Stuttgart, dass die großen Vereine, darunter auch der KFV, einen Entschluss gefasst haben, dass die Juden aus den Sportvereinen zu entfernen seien. Ich gehöre dem KFV seit dem Jahr 1902 an und habe demselben treu und ehrlich meine schwache Kraft zur Verfügung gestellt. Leider muss ich nun bewegten Herzens meinem lieben KFV meinen Austritt anzeigen.”
Die Ausgrenzung traf ihn nicht nur sportlich, sondern existenziell. Es folgten wirtschaftlicher Abstieg, soziale Isolation, ein Selbstmordversuch und Zwangsarbeit. Da er mit einer nicht-jüdischen Frau verheiratet war, galt seine Beziehung als “Mischehe”. Seine Kinder wurden deshalb 1938 von der Schule verwiesen und mussten ab 1941 den “Judenstern” tragen. Im Dezember 1942 ließ er sich von Ella Karolina Hauser scheiden, in der Hoffnung damit sie und ihre gemeinsamen Kinder zu retten. Nur wenige Monate später, im März 1943, wurde Julius Hirsch nach Auschwitz deportiert. Sein letzter überlieferter Kontakt ist eine Postkarte zum 15. Geburtstag seiner Tochter Esther, die er wohl kurz nach der Deportation aus Karlsruhe geschickt haben soll. Darin schrieb er:
Kurz nach seiner Ankunft im Vernichtungslager Auschwitz wurde er dort vermutlich unmittelbar ermordet. Am 20. September 1950 erklärte ihn das Amtsgericht Karlsruhe rückwirkend, mit dem Datum des 8. Mai 1945, offiziell für tot. Seine Kinder Herold und Esther wurden am 14. Februar 1945 in das Ghetto Theresienstadt deportiert und überlebten die Shoah.
Späte Anerkennung
Seit 2005 knüpft der nach ihm benannte und vom DFB initiierte Julius-Hirsch-Preis an die Bruchlinie im Leben von Hirsch zwischen Zugehörigkeit und Ausgrenzung an – und führt diese bewusst in die Gegenwart fort. In den vergangenen 21 Jahren wurde diverse Initiativen, Vereine und Einzelpersonen ausgezeichnet, die sich nachhaltig gegen Antisemitismus, Rassismus und jegliche Form der Diskriminierung sowie für einen pluralistischen und demokratischen Fußball stark machen. Damit wird die Erinnerung an Julius Hirsch nicht nur bewahrt, sondern aktiv in gesellschaftliches und sportpolitisches Handeln übertragen. Gerade der Preis und die damit verbundene Lebensgeschichte von Julius Hirsch stehen sinnbildlich für die Botschaft dieser Textreihe, in der verdeutlicht werden soll, dass Sport niemals losgelöst von gesellschaftlichen Entwicklungen betrachtet werden kann.
Diese Verbindung von Erinnerung und Verantwortung wird besonders durch die Perspektive von Hirschs Nachfahren greifbar. Seine Urenkelin und Jury-Mitglied Julia Hirsch saß erst gemeinsam mit ihrem Onkel Andreas in der Jury. Heute repräsentiert sie die Familie alleine. Im Interview mit dem DFB-Journal erzählt sie: “Es geht uns nicht darum, im Vordergrund zu stehen, es soll nicht um uns gehen, sondern um den Preis. Aber es ist uns wichtig, dass auch unsere Perspektive eine Rolle spielt, dass wir einen Platz in der Jury und eine gewisse Mitentscheidung haben. Wir möchten, dass der Name und das Vermächtnis von Julius Hirsch bewahrt bleiben. Und das ist hier wunderbar gegeben.”
Der Julius-Hirsch-Preis sei eine Form des lebendigen Gedenkens, der eben nicht in der Vergangenheit verharre, sondern Menschen im Hier und Jetzt motiviere, Konsequenzen für die Gegenwart zu ziehen. Es gehe darum, zu verhindern, “dass sich unsere Gesellschaft in eine Richtung entwickelt, die wir nicht einschlagen wollen”. Gleichzeitig hebt sie hervor, dass “dieses tagtägliche, oft jahrelange Engagement […] gewürdigt werden” soll. Und dass “[w]ir […] eine alltägliche Zivilcourage [brauchen], damit sich alle hier gesehen und auch wohler fühlen, als es manchmal in den vergangenen Jahren vielleicht der Fall gewesen ist.” In dieser Perspektive wird der Julius-Hirsch-Preis zu weit mehr als einer symbolischen Ehrung. Er fungiert als Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen individueller Erinnerung und kollektiver Verantwortung. Einer gesellschaftlichen Verantwortung, die sich auch thematisch verändert hat, wie Julia Hirsch erzählt: “Zu Beginn lag der Fokus vor allem auf Antisemitismus und Rassismus, mittlerweile sind auch andere Diskriminierungsbereiche hinzugekommen. Ab 2015 zum Beispiel hatten wir sehr viele Initiativen, in denen es um die Arbeit mit geflüchteten Menschen ging. Auch Diversität und Genderthemen werden immer wichtiger.”
Indem er das Andenken an Julius Hirsch mit aktuellem Engagement verbindet, trägt er dazu bei, die Lehren aus der Geschichte im Fußball wachzuhalten.


