“Unweigerlich politisch” – Frauen im deutschen Fußball

Ein Banner in der Fankurve von Freiburg mit der Aufschrift "Love Football - Hate Sexism"

Ein Gastbeitrag von Ruben Gerczikow in der Reihe "Was macht den Sport politisch?"

Es ist ein kalter Wintermorgen. Über schneebedeckte Straßen führt der Weg in die Redaktionsräume des Tagesspiegels. Die Berliner Tageszeitung sitzt am Askanischen Platz in Kreuzberg, direkt gegenüber der Ruine des Anhalter Bahnhofes. Hier arbeitet die 29-jährige Journalistin Inga Hofmann. Vergangenes Jahr übernahm sie mit 28 Jahren die Leitung des Sportressorts nach dem plötzlichen Tod des langjährigen Ressortleiters Claus Vetter. Seine anwesende Abwesenheit ist durch ein Foto in Hofmanns Büro nach wie vor spürbar. Bei einer Tasse Kaffee spricht Hoffmann von ihren aufmerksamen Beobachtungen, darüber, wie sich die Wahrnehmung des Frauenfußballs in Deutschland verändert – auf dem Platz, in den Medien und in der Gesellschaft. Das habe laut ihr auch mit der politischen Haltung des Frauenfußballs gegenüber seinem männlichen Pendant zu tun.

Frauen im Fußball sind politisch - ob sie wollen oder nicht

“Gerade im Fußball der Frauen ist Sport unweigerlich mit Themen wie Gleichberechtigung, Equal Pay und Sexismus verknüpft“, sagt Hofmann. Spielerinnen seien beispielsweise auf den Sozialen Medien oder in Interviews weniger zurückhaltend, wenn es darum gehe, sexistische Erfahrungen oder gesellschaftliche Missstände öffentlich zu machen. Keine unbegründete Haltung, stimmt die 31-jährige Profifußballerin Sharon Beck zu, die für ein Telefoninterview aus Bremen ebenfalls zur Verfügung stand. In der Hansestadt spielt die Stürmerin seit 2024 beim SV Werder Bremen. Die israelische Nationalspielerin erlebt, dass viele Spielerinnen ihre Plattformen nutzen, um über Themen rund um den Frauenfußball zu sprechen. In sozialen Netzwerken gehe es dabei häufig um persönliche Erfahrungen im Profisport, die Entwicklung des Frauenfußballs oder Fragen der Sichtbarkeit.

Inga Hofmann - Ressortleiterin Sport beim Tagesspiegel

Dass Profifußballerinnen ihre Öffentlichkeit gezielt nutzen, spiegelt sich laut Hofmann beispielsweise an optischen Zeichen wider, wie der Regenbogenbinde der Kapitänin, die hierzulande insbesondere durch die ehemalige schwedische Nationalspielerin Nilla Fischer etabliert wurde. Für Hofmann ist klar: “Die Frauen haben diese Binde in Deutschland überhaupt eingeführt”. Generell würde das Thema Queerness ein viel selbstverständlicher Teil des Sports sein als bei den Männern, bei denen oft geradezu eine queerfeindliche Kultur vom Platz bis ins Management zu herrschen scheint. 

In ihrer “jugendlichen Wahrnehmung” war die Heim-WM 2011 rückblickend ein “Turning Point” für die Entwicklung des Frauenfußballs in Deutschland, erinnert sich Hofmann. Aber generell hätten “sportliche Erfolge und sehr laute Spielerinnen […] dem Frauenfußball viel Sichtbarkeit verschafft”. Das seien Spielerinnen wie Tabea Kemme, Anja Mittig oder Steffi Jones, die für Hoffmann “prägende Figuren” wurden, “die auch nach ihrer Karriere sichtbar geblieben sind und Missstände bekämpfen”. Als wichtige sportliche Inspiration nennt Beck die ehemalige deutsche Nationalspielerin Fatmira „Lira“ Alushi (geb. Bajramaj). Die Europa- und Weltmeisterin, die unter anderem für Turbine Potsdam spielte, habe sie in ihrer Jugend besonders beeindruckt. „So oder zumindest annähernd so gut möchte ich auch spielen“, erinnert sich Beck.

“Eigentlich hatte ich gar nicht die Möglichkeit, nicht zum Fußball zu kommen“

Der eigene Weg in den Fußball begann für Beck früh. „Eigentlich hatte ich gar keine Möglichkeit, nicht zum Fußball zu kommen“, sagt sie. Ihr Stiefvater arbeitete als Jugendtrainer, und weil es damals nur wenige Mädchenteams gab, spielte Beck bis zu ihrem 15. oder 16. Lebensjahr mit einer Sondergenehmigung in Jungenmannschaften. Die Geschichte des Frauenfußballs ist vergleichsweise jung. Am 30. Juli 1955 hatte der DFB seinen Mitgliedsvereinen noch ausdrücklich untersagt, Fußballerinnen zuzulassen. Erst am 31. Oktober 1970 erkannte der DFB den Frauenfußball offiziell an. Die heutige Frauen-Bundesliga wurde erst 1990 ins Leben gerufen und im vergangenen Sommer gehörten bereits über 950.000 Mädchen und Frauen einem Fußballverein an. Die Tendenz ist weiter stark steigend. An vielen Orten leiden Spielerinnen jedoch weiterhin unter der fehlenden Infrastruktur oder anderen Benachteiligungen für den Frauenfußball. Doch es scheint sich etwas zu entwickeln. So ist Sharon Beck, die trotz einer schweren Verletzung in ihrer Jugend frühzeitig den Traum von der Fußballerin nicht aufgegeben hatte, heute Vorbild für andere junge Spielerinnen. Dass sie später den Sprung in den Profifußball geschafft hat, führt Beck auch auf die Unterstützung ihrer Familie zurück. Besonders ihre Eltern hätten sie in ihrer Entwicklung begleitet. Mit einem Augenzwinkern erinnert sie sich zudem an ihre Schwester, die viele Wochenenden auf Fußballplätzen verbrachte.

Hofmann sieht “die entscheidende Entwicklung” darin, “dass Frauen mittlerweile von ihrem Sport leben können”. Wohingegen früher der Frauenfußball lange nur als unprofessionelles Hobby neben dem Beruf wahrgenommen worden sei. “Heute können sich Frauen voll auf den Sport fokussieren”, fährt die Tagesspiegel-Journalistin fort und hebt den FC Union Berlin lobend dafür hervor, dass der Köpenicker Verein “den Frauen professionelle Bedingungen wie den Männern” gebe. Auch im internationalen Vergleich würden sich Unterschiede bemerkbar machen. Sharon Beck spielte in der Jugend zunächst für das deutsche Nationalteam, bevor sie 2018 für Israel auflief. Auch Beck erkennt eine starke Professionalisierung des Frauenfußballs in Deutschland, wohingegen sich in Israel vieles noch im Aufbau befände. Auch wegen der geringeren finanziellen Möglichkeiten des israelischen Verbandes.

Sharon Beck - Fußballerin beim SV Werder Bremen

Die Kurve - ein Problemfall mit Potential

Auch die Kultur im Stadion bei Spielen der Frauen habe sich verändert, meint Hofmann. Ihrer Einschätzung nach fühlen sich vor allem Frauen und Familien beim Frauenfußball wohler. Außerdem seien die “Stadien inklusiver, durchmischter und sicherer”. Sharon Beck spricht zudem von einem weiteren Unterschied im Stadion: “Ich glaube, wir nehmen uns deutlich mehr Zeit bei den Spielen, weil wir das Ganze mehr zu schätzen wissen. Bei den Männern habe ich manchmal das Gefühl, dass es bei ihnen mehr Business ist.”. Im Frauenfußball biete sich laut Hofmann noch eine vergleichsweise junge Fankultur, die Möglichkeiten bietet “eigene Fangruppen zu entwickeln, die bewusst auf weibliche und queere Fans achten.”  Ein Beispiel dafür ist die 2018 gegründete “Nutria Bande”, die als “feministische Ultras” den 1. FFC Frankfurt unterstützten und seit der Fusion mit Eintracht Frankfurt 2020 auch das Frauenteam der SGE. Obgleich es nicht das “Ausmaß wie bei den Männern hat, fühlen wir jede Unterstützung auf dem Platz”, sagt Beck. Über große Unterstützung konnten sich die Werder-Frauen im Oktober 2025 freuen: Das Nordderby gegen den Hamburger SV konnten sie mit 2:0 im Weserstadion vor 37.000 Zuschauer*innen feiern. Darunter auch Mitglieder der Fan- und Ultraszene des SVW, die sich hinter der Fangruppe “Sirena Verde” vereinten. Sie etablieren seit einigen Jahren organisierten Support, regelmäßige Choreografien und sogar Pyrotechnik bei den Spielen der Werderfrauen. Das ist ein tiefgreifender Wandel, zumindest wenn Beck sich an die Anfänge ihrer Karriere erinnert, als “vielleicht 300 oder 400 Zuschauer vor Ort waren”.

Doch sowohl Hofmann als auch Beck warnen davor, zu glauben, dass der gesellschaftliche Fortschritt im Fußball gleichbedeutend mit dem Verschwinden von Problemen sei. Das zeigt auch der zweite Jahresbericht der Meldestelle für Diskriminierung im Fußball in NRW (MeDiF-NRW) für 2022/2023. Insgaesamt 46 Prozent aller gemeldeten Vorfälle waren sexistisch motiviert. Sexismus im (Männer-)Fußball zeigt sich in Form von Sprüchen, sogenannten “Kurven-Regeln”, in denen Frauen nicht im vorderen Bereich des Stehblocks stehen dürfen, über Fangesänge bis hin zu Übergriffen. Für Hofmann sei der Männer-Fußball vielerorts kein sicherer Raum für Frauen: “Viele Männer im Stadion fühlen sich sicher genug, um Sexismus laut auszuleben.” Das zeigt auch die Arbeit gegen Sexismus im (Männer-)Fußball. Im Februar 2026 veröffentlichte das Netzwerk gegen Sexismus und sexualisierte Gewalt im Fußball erstmals Mindeststandards sowie praxisorientierte Kriterien und Empfehlungen für funktionierende Awarenessstrukturen im Stadionkontext. Auch Hofmann appelliert an die Verantwortung von Vereinen und Verbänden: “An Spieltagen sollten genug Anlaufstellen, Awareness-Teams, geschultes Personal, insbesondere Frauen und sichere Räume vorhanden sein.” Beck bestätigt, dass es gegen Sexismus im Fußball mehr braucht als nur nette Sonntagsreden. Sie nimmt dabei ihre männlichen Kollegen in die Pflicht: “Ich glaube, wenn sich wirklich die Männermannschaften hinter ihre Frauenteams stellen und beispielsweise gemeinsam öffentlich positionieren, dann glaube ich, wir können damit deutlich mehr Fans erreichen.”

Wie sich gegen Sexismus, aber auch Antisemitismus positioniert werden kann, zeigte Becks Verein, der SV Werder, im August 2024. Nach den Massakern und der systematisch ausgeübten sexuellen Gewalt der islamistisch-palästinensischen Terrororganisation Hamas in Israel am 7. Oktober 2023 waren vor allem in der Öffentlichkeit stehende Jüdinnen*Juden antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt. Auch Sharon Beck geriet ins Fadenkreuz. Sie erhielt eine antisemitisch-misogyne Nachricht auf Instagram, die der SVW in Absprache mit ihr veröffentlichte und sich deutlich hinter seine Spielerin stellte. Und auch die Ultragruppen Infamous Youth und Caillera zeigten ihre Solidarität mit der Stürmerin beim darauf folgenden DFB-Pokal-Spiel der Männer beim FC Energie Cottbus mit einem Spruchband. Zudem wurde Anzeige erstattet, die aber leider eingestellt wurde, da die Person nicht ermittelt werden konnte. Beck kennt diese Art der Anfeindungen: „Ich bin natürlich mit dem Bewusstsein meiner israelischen Familiengeschichte aufgewachsen und dass ich solche Dinge nicht an mich ranlassen sollte, weil sonst natürlich die Gegenseite gewinnt.“ Verunsichern lassen will sie sich dadurch nicht: “So bin ich groß geworden und so werde ich das Ganze auch weiterhin angehen.”

The future is female

Unterstützung erfährt auch Inga Hofmann in der männerdominierten Welt des Sportjournalismus durch Kolleginnen. Als junge Frau sticht sie hervor und möchte gleichzeitig voran gehen: “Was setzt es für Zeichen für Praktikantinnen oder Volontärinnen, wenn die Redaktion rein männlich dominiert ist? Das kann abschrecken und Fragen aufwerfen, ob man hier überhaupt reinpasst.” Eine breite Aufstellung sei ihrer Erfahrung nach auch wichtig für die Nachwuchsförderung. Kritik übt sie auch daran, dass Sportjournalistinnen automatisch über den Frauensport berichten müssen. Deshalb setzten Hofmann und der Tagesspiegel darauf, “Männern und Frauen gleichwertig Raum zu geben”. Bei ihnen wird versucht, “dass jede Kollegin und jeder Kollege eine Sportart betreut und dabei Frauen- und Männerwettbewerbe gleichermaßen betrachtet.” Wie erfolgreich ein Sportjournalismus sein kann, der sich mit Themen auf und neben dem Platz beschäftigt, zeigt Hofmann selbst. Für ihre journalistische Arbeit wurde sie 2025 vom Medium Magazin auf den zweiten Platz der Sportjournalist*innen des Jahres gewählt. Begründet wurde ihre Platzierung damit, dass sie den Sport eben nicht nur als Wettbewerb sieht, sondern auch als gesellschaftliches Thema versteht. Beispielsweise benenne sie “offen toxische Dynamiken im ‘Bro-Bereich’ des Fußballs”.

Für die Zukunft formulieren beide klare Wünsche. Als Profisportlerin hängen Becks Ziele mit ihrer sportlichen Leistung zusammen. Dazu kommt der Wunsch einer weiteren verletzungsfreien Karriere. Seit 2025 arbeitet sie zudem als Sportreferentin bei MAKKABI Deutschland und wird mit der deutschen Delegation im Sommer zur Maccbabiah nach Israel reisen, die im vergangenen Jahr wegen des Krieges zwischen Israel und dem Iran verschoben wurde. Bereits 2017 nahm Beck als Spielerin des deutschen Teams bei der Maccabiah in Israel teil. Vor sechs Jahren blieb die Goldmedaille in ihrer zweiten Heimat Israel bei den Gastgeberinnen. In ihrer neuen Rolle möchte sie für “den jüdischen Sport hier in Deutschland einfach weiter begeistern” und diesen” unterstützen und entwickeln”. Hofmann und Beck betrachten Sichtbarkeit als essentiell für die zukünftige Entwicklung des Frauenfußballs. Dabei sind große Turniere, wie die Europameisterschaft 2025 in der Schweiz, unabdingbar. Beide erhoffen sich zudem von der Europameisterschaft 2029 in Deutschland einen zusätzlichen Schwung für den Sport. Doch die Gespräche mit Inga Hofmann und Sharon Beck zeigen auch, dass der Frauenfußball längst nicht nur als isoliertes sportliches Ereignis betrachtet werden sollte. Denn er ist weit mehr als das. Er ist ein gesellschaftlicher Raum, in dem die alltäglichen Fragen von Gleichberechtigung, Sichtbarkeit und Emanzipation verhandelt werden – in den Redaktionen, aber ebenso im Stadion.

Dir hat dieser Beitrag gefallen? Dann teile ihn mit Deinen Freunden!

Du bist daran interessiert, dass wir mit Deinem Team eine ganze Trainingseinheit nach unserem Konzept durchführen oder möchtest dich als Übungsleiter:in ganz einfach unserem Projekt anschließen, dann melde dich ganz einfach bei uns!